Kontaktanzeigen oder: Anderen geht’s auch nicht gut II

Dem Ruf des ungeschriebenen Romans folgend, unterhalte ich ein Schreibbüro, gemeinsam mit fünf Anderen, großenteils Promoventen der Sozialwissenschaften. Unser Büro liegt in einem äußerst hässlichen Bürohaus im Büroviertel der fremden Großstadt, in Hammerbrook. Es ist tatsächlich eins dieser Viertel, in das morgens die Autokolonnen herein- und wo sie abends wieder hinausrauschen, ein Viertel voll 70er-Jahre-Kästen und kahlen Cafés und Imbissständen, die zwölf Uhr mittags von Anzug- und Hemdenträgern überrannt werden und spätestens um fünf zumachen. Beim Hammerbrooker Bäcker langweilen sich nachmittags noch zwei, drei süße Teilchen, während es schon nach Desinfektionsmittel riecht. Und mein übers Wochenende in Hammerbrook angeschlossenes Fahrrad ist prompt geklaut worden; vielleicht ist es freiwillig mitgegangen, um der gnadenlosen Einsamkeit seines Hammerbrooker Wochenendes zu entkommen.
Trotzdem, ich mag es gerne hier. Hammerbrook ist gewissermaßen ehrlich in seiner Hässlichkeit, hier zeigt die Lohnarbeit ihr Antlitz, und naturgemäß ist es ein schauderhaftes, kein Grund zur Gemütlichkeit. Mir gefällt Hammerbrook viel besser als etwa die Reihe prekärer Modelädchen im Karolinenviertel, die sich vor Individualität und fräuleinhafter Niedlichkeit kaum zu lassen wissen.
Mein Arbeitsplatz im Gemeinschaftsbüro grenzt an eine Firma, die Flirtkontakte per Anruf und Abo vermittelt. Wenn ich es durch die Wand richtig verstanden habe, werden hier einsame, schwer vermittelbare Herren ausgenommen wie die Weihnachtsgänse – Herren, die ich mir gern so vorstelle wie oben (bzw. unten) erwähnten Rentner, getrieben von männlicher Selbstüberschätzung, soliden Vorstellungen, wie die Traumfrau zu sein hat, und einer Art trauriger Lüsternheit. Das klingt dann so:
„Hallo, schönen guten Tag, mein Name ist Jennifer D. von der Singlebörse. Ist denn der Peter zu sprechen? Nein? Jennifer D., von der Singlebörse. Ich hab hier eine Antwort von Peter auf eine Kontaktanzeige. Ja, eine Kontaktanzeige in der Zeitung, von Tina, 26, Praxisassistentin, enge Jeans, streichelweiche Haare, suche treuen Partner fürs Leben. Wir fragen dann immer noch mal nach, ob wirklich ernsthaftes Interesse besteht. Ja, auf diese Anzeige hat der Peter per SMS geantwortet, ist er denn zu sprechen? Am 30.9. war das. Sind Sie seine Frau? Okay. Gut, dann nehm ich das raus. Einen schönen Tag wünsch ich noch!“
Meistens aber sind die Peters, Mortens und Markusse selber dran und, Jennifer D.s begütigendem Zureden nach zu vermuten, zu Tode erschrocken, plötzlich eine Partnervermittlung an der Strippe zu haben – dabei haben sie doch nur der Tina mit dem streichelweichen Haar liebe Grüße geschickt und ihr zu verstehen gegeben, dass auch sie manchmal einsam sind. Ich frage mich: Was sind das für Männer, die nicht darauf achten, dass Tinas Handynummer, dort unter dem Sonnenuntergangsfoto mit der kurvigen Damensilhouette, dieselbe ist wie die von allen anderen Frauen, die da vorgeblich inserieren? Ahnen sie nicht im Geringsten, dass Tina vermutlich erschaffen wurde, um die Phantasie von einem wie Peter anzuregen, zwanzig Jahre älter, wohnhaft am braunen Saum der Lüneburger Heide und, Zitat, kein Hungerhaken? Ahnen diese Männer nicht, dass Jennifer D., die ihnen mit Schäkerstimme Träume von Traumfrauen verkauft, in einem schäbigen Büro in Hammerbrook sitzt und ihre immergleichen Sätze spricht, die mich mitunter melancholisch machen? Ahnen sie, dass die nette Jennifer nach dem Auflegen lästert, was das Zeug hält, dass sie all die Herren von Herzen verachtet? Das wiederum klingt dann so: „Der hat doch ’n Arsch offen, ’n Fettsack ohne einen Zahn im Maul, aber ’ne Freundin wollen!“ Und ich, Wand an Wand mit ihr, kichere solidarisch – und versuche gleich darauf, mir kritisch vor Augen zu führen, dass es eine traurige Welt ist, in der Zahnlosigkeit den Anspruch auf Liebe absurd macht.
Manchmal abends, wenn der Singlebörsenchef gegangen ist, lässt sie den Peter Peter sein und dreht ihr Radio auf und singt lauthals mit Beyoncé und Taylor Swift. Das sind die Momente, in denen ich Jennifer D. ganz gut finden könnte.

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