Am Grenzbahnhof

Wenn die Bayern-Urlauberin günstig übernachten will, muss sie nur rüber nach Tschechien gehen. Gleich hinter der bayerisch-tschechischen Grenze, im alten Bergarbeiterort Želesná Ruda, kann man ein Bett im Grenzbahnhof buchen, der einmal der Verbindung Prag – München dienen sollte und später jahrzehntelang am Saum des Eisernen Vorhangs lag. Schautafeln zeigen alte Fotos, denen zufolge das Gelände mit Drahtzäunen geteilt war; die tschechische Seite lag im militärischen Sperrgebiet.
Es ist ein melancholisches Ding mit diesem Grenzbahnhof, der auf beiden Seiten, Bayerisch Eisenstein und Želesná Ruda-Alžbětín, von einer tschechischen und einer deutschen Bahnlinie angefahren wird, die aber aneinander vorbeilaufen. Man hat es mit einem wirklich hübschen, herrschaftlichen Gebäude zu tun, Holzverkleidung und mintgrüne Fensterrahmen, etwas überdimensioniert und, wie eine Tafel verkündet, mit EU-Mitteln restauriert. Vorne ist ein Schild, das – auf Deutsch – mit billigen Unterkünften wirbt, ein kleiner Shop für Zigaretten, Kaffee und Korbwaren. Wenn die deutsche Urlauberin es günstig will, muss sie nur rüber nach Tschechien.
Das ungerechte Wohlstandsgefälle zwischen beiden Ländern zeigt sich auch in der Pension selbst: am Einrichtungsstandard, an den Einbruchswarnungen in drei Sprachen, am Rentnerpaar auf Fahrradtour, das in der Gemeinschaftsküche Tee trinkt.
Die Versprechen von Europäischer Union und Schengen-Abkommen wirken so illusionär wie hoffnungsvoll an diesem gottverlassenen Ort mitten im Wald, in dem zwei blaue Schilder mit Sternen stehen, Bundesrepublik Deutschland und Česká republika. Niemanden interessiert der Grenzübertritt der beiden Wanderurlauberinnen. Ein wenig erinnert es an vornationalistische Zeiten, als das ganze menschenverlassene Gebiet Böhmerwald hieß, auch auf bayerischer Seite.
Deutschland mahnt: Einreise nur mit negativem Corona-Test, selbstredend auf Deutsch; sollte man verstehen, wenn man hier rein will. Trotzdem kann man ohne Kontrolle zurückwandern – auf ins Bayerrestaurant, wo es Rahmschwammerl gibt, eine dicke Pilzsoße, in der bayerische und böhmische Knödel einträchtig nebeneinander liegen. Hoab die Ähre, grüßt der Mann am Nebentisch; von seinem Kreuzerl an der Wand schaut uns der Herr Jesus auf den Teller. Das Gefühl, als Reisende aufregende Grenzerfahrungen zu machen, springt von tschechischen auf bayerische Phänomene zurück.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.