Chormusik und falsches Bewusstsein

Wenige Monate nach meiner Ankunft in der fremden Großstadt habe ich mir hier einen Chor gesucht. Das Leben ist fade ohne Chorgesang – ich meine, weil es die schönste und widerspruchsfreieste Art ist, mit anderen Menschen zeitweise ein funktionierendes, harmonisches Ganzes einzugehen, das überdies dem ästhetischen Genuss gewidmet ist.
Freilich bestehen auch Chöre aus Menschen. Wie Adorno sagt: „Allzuleicht macht es [das Chorsingen] den Einzelnen glauben, in Einverständnis und Harmonie von Mensch zu Mensch aufgehoben zu sein, wie sie in der Struktur der gegenwärtigen Gesellschaft nicht vorhanden sind; die Chorgeselligkeit zeitigt künstliche Wärme.“ Das vorausgesetzt, geht es mir in meinem Hamburger Oratorienchor ziemlich gut. Zwar gibt es die älteren Herren, die mir einerseits Drops und Lutschpastillen anbieten, sich aber despektierlich gegenüber mir als Lesender verhalten (wer mag schon ernsthaft die Nase in ein Buch stecken, wenn Wolfgang plaudern will?) und mir gern bescheinigen, meine Kurzhaarfrisur mache mich eh zum halben Mann, daher sei es schon recht, dass ich im Tenor singe. – Ja, sie lassen mich Tenor singen, eine schöne neue Selbsterfahrung: Da unten ist tatsächlich noch eine Menge Stimmkraft übrig.
Aber abgesehen von solchen Kleinigkeiten bin ich gern bei meinen Rentnern: Weiß- und Grauköpfen, die ihren Brahms und ihren Händel schätzen und die Partituren nach dem soundsovielten Gebrauch in nettes Kunstleder haben einschlagen lassen. Bei vielen handelt es sich um solides hanseatisches Bürgertum, pensionierte Ärzte, Diplompsychologinnen und Lehrerinnen und dergleichen, die die abschließenden Jahrzehnte mit Kultur und Reisen füllen und eine freundliche, versöhnte Selbstgewissheit ausstrahlen, die ich von ostdeutschen Rentnern weniger kenne und die mir wohltut. Vermutlich hängt es mit dieser Selbstgewissheit zusammen, dass Einverständnis und Harmonie von Mensch zu Mensch hier doch ganz gut funktionieren; vorausgesetzt natürlich, man schaut nicht zu tief in die vereinsmeierlichen Untiefen, sondern lässt sich schön auf der Oberfläche treiben, den Händel’schen und den Mendelssohn’schen Klangteppichen.
Aber ältere Chöre haben ihre eigenen Tücken. Zwei sind schon gestorben, seit ich dabei bin. Das war so: Ich kam zur Probe und wunderte mich, dass bereits vorm Einsingen ein Lied angestimmt wurde, das Abendlied von Joseph Rheinsberger, ein arg ausgelutschtes, aber sehr, sehr schönes, manchmal Tränen erzeugendes Stück, Vertonung eines Psalms: „Bleib bei uns, denn es will Abend werden / Und der Tag hat sich geneiget.“ Ich freute mich sehr über das olle romantische Abendlied und sang die mir seit vielen Jahren vertraute Altstimme mit. Nach dem Schlussakkord aber räusperte sich der Chorleiter und sprach: „Im Gedenken an Heidelies!“ – da entdeckte ich auf dem Klavier das goldgerahmte Porträt einer älteren Frau, die noch letzte Woche weißköpfig, aber halbwegs rüstig im Sopran gestanden hatte. Verstört sah ich um mich; da beugte sich die Stimmführerin (sowieso ein besonders schönes Wort) aus dem Alt zu mir und raunte, niemand wisse genau, wie es zugegangen sei mit Heidelies, man habe sie erst nach Tagen in ihrer Wohnung gefunden. Außer dem Chor – wo sie auch das Amt der Schatzführerin versah – habe sie nichts und niemanden mehr gehabt.
Was tut man in solchen Momenten? Ein verlegenes, irres Lachen schleicht sich die Kehle hinauf; und ein Bedürfnis, das Ganze aufzuschreiben. Zum Glück hab ich jetzt den Blog. Komisch, dass mir immer Begebenheiten mit Rentnern und mit dem Tod einfallen.

2 Kommentare

    1. Jawohl, liebe Leserin. Der Tenor als (hohe) Männerstimme wird generell eine Oktave tiefer gesetzt als Sopran und Alt und ist dabei meistens noch eine Ecke tiefer als die (tiefe) Frauenstimme Alt.

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